Lausitzische Erwähnung der Todaustreibung

von Leopold Haupt & Jan Ernst Schmaler

Leopold Haupt, Jan Ernst Schmaler: Volkslieder der Sorben in der Ober- und Nieder-Lausitz. Akademie-Verlag, Berlin 1953, Neudruck der Schrift aus dem Jahre 1841, Seiten 20-21:
Eine Spur von der Pietät der Wenden für ihre Verstorbenen zeigte sich in einem Feste, welches noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts allgemein von dem Volke gefeiert wurde, und sich selbst da erhalten hatte, wo längst schon nicht mehr wendisch gesprochen wurde. Wir meinen das Todtenfest, welches alle Slawen zu Beginn des neuen Jahres, das sie mit dem Frühling anfingen, begingen und wovon der Sonntag Laetare, auf welchen man es in der christlichen Zeit verlegte, noch jetzt der Todtensonntag heißt. Es bestand wohl ursprünglich darin, dass die Gemeinde bis ans Ende des Dorfs, wo die Todten verbrannt wurden, mit einem vorangetragenen Götzenbilde singend und mit Fackeln zog und zum Gedenken der Verstorbenen opferte. In christlichen Zeiten musste ein Strohmann die Stelle des Götzenbildes ersetzen und die Bedeutung des Festes modifiziert werden. Man nannte es das Todaustreiben. In Böhmen verbrannte man den Strohmann und in der Lausitz warf man ihn ins Wasser. Zuletzt fiel die ganze Zeremonie den Kindern anheim und wurde als ein Spaß behandelt. In Königshain bei Görlitz zogen an dem Sonntag Laetare Alt und Jung mit Fackeln aus Stroh geflochten aus dem Dorfe nach dem merkwürdigen Todtenstein, offenbar einer alten heidnischen Opferstätte, zündeten dort die Fackeln an und gingen singend nach Hause, unter beständiger Wiederholung der Worte: “Den Tod haben wir ausgetrieben, den Sommer bringen wir wieder”. So wurde hier das Fest noch am Anfange des 18. Jahrhunderts begangen: nachher ist es abgeschafft worden.


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