Die Sorgen der Sorben

Das Volk der Sorben, das sich vor allem über seine Kultur und seine Sprache definiert, schrumpft seit Jahren. Heute gibt es vielleicht noch 20.000 Aktivsprecher, schätzt Prof. Christian Prunitsch. Vor 100 Jahren waren es noch an die zehnmal so viel. Schon immer gehörten die Sorben damit zahlenmäßig zu den “Kleinen Kulturen”, die der Philologe am Institut für Slawistik der Technischen Universität Dresden erforscht. Anhand von Querschnitten und Einzelstudien will man eine Typologie kultureller Kleinheit aufstellen. Prunitschs Erkenntnisse sollen auch den Sorben nützen. Nach seiner Auffassung grenzten sich die Sorben bisher durch ihre Sprache und ihre Konfession in einer Art Regionalpatriotismus von anderen Kulturen ab und agieren politisch größtenteils mit ihrem Minderheitenstatus. Der Dresdner Forscher meint: der Ansatz, wie eine Kultur sich selbst bestimmt, sollte eher aus einer vergleichenden Perspektive stammen, die sich zu Staat und Amtssprache schöpferisch “ins Verhältnis setzt”.

Eine vorausschauende Kulturpolitik, merkt Christian Prunitsch dabei kritisch an, sollte experimentellen Projekten mehr Geld einräumen, anstatt die Stiftungsmittel institutionsgebunden (für Planstellen etc.) auszureichen. Innovative Ideen, die eine stärkere finanzielle Förderung verdienten, gäbe es durchaus. Einige davon werden auch schon gefördert. Das Witaj-Sprachzentrum etwa ist die sorbische Erfolgsgeschichte der neunziger Jahre schlechthin. Die Kindergärten, in dem deutschsprachige und sorbische Kinder zweisprachig durch den Alltag geführt werden, sind gerade bei deutschsprachigen Eltern sehr populär und sichern den Schülernachwuchs für die sorbischen Schulen der Gegenwart.

Die finanzielle Förderung wird für kleine Kulturen vor allem beim geschriebenen Wort enorm wichtig. Weil zu wenig Leser Bücher in sorbischer Sprache kaufen, muss jede Publikation stiftungsseitig unterstützt werden. Deutlich zu niedrig angesetzt scheint dem Sorbenforscher der Förderbetrag für den Domowina-Verlag, der u.a. Schulbücher, eine Tageszeitung, eine Wochenzeitung, eine sorbische Kulturzeitschrift und zwei Kindermagazine herausgibt. Was dann noch für Belletristik bleibt, ist nicht viel. Manches Manuskript liegt beim Verlag und kann nicht veröffentlicht werden. Dass die Stiftungsverwaltung nur etwas weniger Geld verschlingt als der gesamte Domowina-Verlag, hält Prunitsch für einen Kardinalfehler der Kulturförderung. Wenn die Sorben ihre Verlagsproduktion an Belletristik und Periodika nicht mehr aufrechterhalten können, prophezeit er, dann hilft auch kein traditionelles Tanzensemble mehr – dann droht die sorbische Kultur unterzugehen.

Stattdessen sollte Alternativ- und Jugendkulturen wie dem pfiffigen Jugendverband “PAWK” oder der sorbischen Nachwuchsliteratur viel mehr Beachtung geschenkt und auch mal Satire, Kabarett oder Kleinkunst unterstützt werden, meint der Kulturwissenschaftler. Das größte Problem sei jedoch die massive Abwanderung vieler Sorben aus beruflichen Gründen. Abseitig aller Finanzierungsfragen ist dies wohl das größte Problem der kleinen Kultur.
Quelle: http://tu-dresden.de/aktuelles/newsarchiv/2008/1/sorben/newsarticle_view


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