Das verkommene Herz Europas

von Ralph Kappler (Brüssel) 

Es tut mir wirklich leid, aber auch diesmal wird es nichts mit einer frohen Postkarte aus Brüssel. Dabei hatte ich es mir doch fest vorgenommen, auch die angenehmen Seiten der EU-Kapitale ins Licht zu rücken. Doch nun sitzt meine Schülerin, eine beeindruckende EU-Beamte aus Rumänien, verstört vor mir. Sie erzählt mit bebender Stimme, dass ihre Wohnung am Vortag ausgeraubt worden ist, just als sie ihre Tochter aus dem Kindergarten abholte. Das ist keine Ausnahme. Da ich nun seit einigen Monaten EU-Beamte in Brüssel fortbilde, weiss ich aus deren Berichten, dass es mit der Sicherheit für die Einwohner aus aller Welt in Brüssel nicht weit her ist. Das belegen auch die offiziellen Eurostat-Berichte. Jahr für Jahr landet Brüssel auf dem Spitzenplatz der europäischen Einbruchsstatistik, also noch vor London oder den hitzigen Balkan-Metropolen. Aber auch bei Tötungsdelikten steht die EU-Metropole im Vergleich zu anderen westeuropäischen Städten weit oben.
Die folgende Szene spielte sich nicht in einem Slum von Johannesburg oder Kalkutta ab. Nein, was Sie nun lesen, trug sich im Herzen der Hauptstadt der Europäischen Union ab. Dem Sitz der Nato und zahlreicher internationaler Organisationen. Über 35.000 EU-Beamte leben hier, 2500 Diplomaten, Zehntausende Abgesandte von Verbänden, Instituten und Unternehmen, Journalisten, Militärs. Die größte internationale Gemeinschaft in Europa, so stand es kürzlich in der „Die Welt“, ist ein Eldorado für Kriminelle. Die an Skandalberichten kaum interessierte, seriöse, Tageszeitung berichtete: „Plötzlich ein harter Tritt ins Kreuz. Die CSU-Abgeordnete Niebler strauchelt, sie fällt zu Boden. Zwei Jugendliche, mit schwarzen Kapuzenpullovern und Baseballmützen, treten auf sie ein, einer schlägt immer wieder auf ihren Kopf – auch dann noch, als er Nieblers Blackberry und I-Phone, die Beute, schon grinsend in der Hand hält“.
"Aufhören, Hilfe“, ruft die 46-jährige CSU-Abgeordnete immer wieder. Ihre Augen sind angeschwollen, die Schläfen pochen. Blut läuft aus der Nase, das Bein schmerzt. Nach 40 Minuten kommt dann eine Ambulanz. Niebler wird versorgt. Sie wartet dann noch eineinhalb Stunden bis weit nach Mitternacht. Die Polizei kam gar nicht mehr – obwohl ein Wirt, aufgeschreckt durch Nieblers Schreie, sie mehrmals anruft., gab die EU-Abgeordnete einige Tage später dem belgischen Beamten auf einer Polizeiwache zu Protokoll. Der junge Polizist zuckt nur mit den Schultern. Auch eine Mitarbeiterin eines großen deutschen Energiekonzern wurde unlängst von drei Männern auf einer belebten Straße im Zentrum Brüssels so schwer misshandelt, dass sie wochenlang im Krankenhaus lag, ihre linke Gesichtshälfte war taub. Kurz nach dem Überfall wandte sie sich an die Polizei, sie wollte Angaben zum Überfall machen. „Der Beamte wollte sich nicht mehr an den Fall erinnern, obwohl er ihn in der Tatnacht aufgenommen hatte. Eine Akte gab es nicht. Die Polizei hat mich überhaupt nicht ernst vernommen“, erzählt die 29-Jährige. Sie leidet noch heute an den Spätfolgen des Überfalls. Die Stadt ist voll von diesen Geschichten. Die vergangenen Monate waren besonders schlimm. Im Sommer wurde ein entsandter Mitarbeiter des Deutschen Bundestags auf der Straße mit mehren Messerstichen in den Bauch niedergestochen, er rang tagelang mit dem Tod. Die Täter flüchteten – wie immer – ins Nirgendwo.

Einen Tag nach dem Überfall auf die CSU-Abgeordnete Niebler erwischte es eine Mitarbeiterin der Bremer Landesvertretung bei der Europäischen Union. Diebe drückten die Beamtin am Eingang der Vertretung gegen ein Fahrrad, entrissen ihre Handtasche und flüchteten mit mehreren Hundert Euro. Bremen warnte in einem internen Rundbrief „vor einer neuen Qualität der Straßenkriminalität in Brüssel“. Unterdessen berichtete auch ein deutscher Botschaftsmitarbeiter, dass Raubüberfälle auf Brüsseler Vertretungen eher der Normalfall sind. Die Stadt steckt voller Spannungen. Wie auch von Serbske Noviny berichtet, gibt es einen akuten Bildungsnotstand in der EU-Kapitale. Mehr als 70% der Kinder mit Migrationshintergrund hinken ihren belgischen Altersgenossen weit hinterher. Mehr als 40 Prozent der Einwohner sind Einwanderer der ersten, zweiten oder dritten Generation. In einigen Stadtteilen ist jeder zweite ausländische Jugendliche arbeitslos. Zugleich lässt die Wirtschaftskrise wallonische und flämische Stadtväter erbittert um die Pfründe streiten – überall fehlt das Geld.
Die Polizei ist miserabel motiviert und dröhnt meist nur völlig abwesend mit brachial kreischenden Sirenen durch die Stadt. Polizisten im einfachen Gespräch mit Passanten und Touristen habe ich in dieser Stadt seit meiner Ankunft vor anderthalb Jahren nicht zu Gesicht bekommen. Kritik gibt es seit Jahren. Die Polizei hält die Klagen für übertrieben. Die EU-Mitarbeiter neigten zum Klatsch, sagte der zuständige Beamte für die Task-Force zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Belgien und der EU bereits im Jahr 2007. Und er fügte hinzu: „Die kommen aus dem ländlichen Dänemark, und wenn sie mit einem Verbrechen in Berührung kommen, erzählen sie allen davon.“ Bei allem was ich hier in Brüssel über belgische Behörden gelernt habe, scheinen Polizei und Belgische Institutionen mit ihrer Passivität nur die Aufstockung ihrer EU-Pfründe erpressen zu wollen. Ohne die EU wäre Brüssel schon längst bankrott und Belgien als „Nation“ höchstwahrscheinlich nicht mehr existent.
Man möchte ja nicht zynisch sein, aber die Frage drängt sich doch auf, von wem und mit wessen Wählermandat eine Stadt im Dauernotstand überhaupt in den finanziell hoch lukrativen Stand der EU-Kapitale geliftet werden konnte? Wie lange tolerieren wir Europäer noch diesen instutionalisierten Irrsinn? Keine Frage, das es in Europa zig Städte, wie Maastricht, Prag, Wien oder auch Bonn, mit seriöseren Referenzen und auch halbwegs intakten Infrastrukturen für die Aufnahme der EU-Hauptstadt gegeben hat und weiter gibt. Worauf noch warten? Es ist höchste Zeit für eine europaweite Neuausschreibung der EU-Hauptstadt. Ganz so wie im wirklichem Leben und der Demokratie würdig.

Božemje und viele Grüsse vom Lausitzer aus Brüssel!

Ralph Kappler (Tomaš Kappa)


  1. Anonymous

     

    traurig das zu hören. Schon allein die 40 Minuten bis ein Krankenwagen eintrift sind indiskutabel!

    #1 Kommentar vom 15. November 2009

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