Berühmte Sorben – oder das Grün von Nachbars Rasen

Ralph Kappler

Ralph Kappler

Der Rasen der Nachbarn scheint oft grüner als der eigene zu sein. Sie spielen mit dem Gedanken, mit Kind und Kegel der als strukturschwach stigmatisierten Lausitz zu entfliehen und womöglich Ihr Glück auch einmal im Herzen Europas versuchen zu können? Lassen Sie es lieber bleiben. Sie würden es bitter bereuen! Schon deshalb, weil allein in Brüsseler Grundschulen über 3000 Schulplätze fehlen. Weil, und ich bin leidgeprüfter Augenzeuge dieser Ungeheuerlichkeit, verzweifelte Brüsseler Eltern sogar auf schmalen Gehsteigen übernachten, nur um sich rechtzeitig in eine der absurden Schul-Wartelisten eintragen zu können. Wohlgemerkt für einen Schulplatz in einer der „Witte Scholen“ also Weissen Schulen, wo der belgische Mittelstand seine Zöglinge in Sicherheit bringt. Viele der aus Süd- oder Osteuropa und erst recht Afrika stammenden Kinder, und das ist eine zum Himmel schreiende Schande für Europa, landen einfach auf „Zwarten Scholen“, den Schwarzen Schulen. In “zwaart“ und „witt“ sind so die Zukunftschangen der Kinder atavistisch getrennt, düster für die einen und heller für die anderen.

Als wäre das nicht schon skandalös genug, geben sich belgische Politiker mit autistischer Inbrunst einem altertümlich wirkenden Sprachenkrieg hin. Häuserzeile um Häuserzeile, Stadtviertel für Stadtviertel werden bitter umkämpft, nur um sie entweder Wallonisch Französich oder Flemisch dominieren zu können. Ganz so als gäbe es Europa nicht. Ach, davon steht kaum was in deutschen Zeitungen? EU-Politiker haben sich auch noch nicht bitterlich beklagt? Nun, Politik und Medien leben in einer abgeschirmten Brüsseler Parallelwelt. Mit üppigen EU-Diäten und Auslandszuschlägen ist das Leben auch in Brüssel halbwegs erträglich. Sprachenkriege gibt es auf der Europa Schule, wo nur die Kinder der EU Beamten Zugang haben, ohnehin nicht. Sie können mir glauben, ich bin ein glühender Europäer. So ist Brüssel, ausserhalb der strahlenden EU-Fassade.

Übrigens, als mich Frank Schwalba-Hoth, Sie erinnern sich vielleicht, der noble Menschen-Vernetzer von Brüssel, vor der letzten Sioreé Internationale nur beiläufig fragte „Wer ist eigentlich der berühmteste Sorbe?“, begann ich zu drucksen. Womit können wir seine polyglotte Gemeinde nur aus der Lausitz beeindrucken? Ich gebe beschämt zu, ich probierte es erstmal mit Krabat. Krabat funktioniert immer. Der Sorbische Held ist nun schliesslich auch schon Hollywood Stoff. Dann viel mir ein, dass Benedikt Dyrlich mich nur einige Tage zuvor etwas mahnend an den Namensgeber meiner Grundschule in Rakecy, den Komponisten Bjarnat Krawc, erinnert hatte. Ich rutschte etwas ungemütlich auf dem Stuhl. So richtig überzeugend klang das ja nicht. Auch Frank schien zu grübeln, wie er das Sorbische seiner quicklebendigen Vielvölkergemeinde mit einem schmissigen Bild einführen könnte. Dann beim Aufstehen kam mir doch noch ein Geistesblitz. Der rettete mich aus der Verlegenheit. Der berühmteste Sorbe ist natürlich der, der gerade im Dresdener Schloss U.S. Präsidenten Barack Obama empfangen hatte. Der erste, überwiegend, und das sei hier nun doppelt dick unterstrichen, überwiegend von deutschen Sachsen gewählte Sorbische Ministerpräsident. Stanislaw Tillich, welche Wendung! Jedes Kind, ob Deutsch, Sorbisch, beides oder auch anderer Herkunft, kann in der Lausitz nun ein klein wenig verwegener träumen, etwas aus sich zu machen. Freilich, viel bleibt zu tun. Aber mal ehrlich, wo ist das Gras nun grüner?

Božemje und viele Grüsse vom Lausitzer aus Brüssel!

Ralph Kappler (Tomaš Kappa)

3 Kommentare

  1. Jana Grueva

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